PRISTINE – „The Lines We Cross“ (VÖ: 27.01.2023)

The Lines We Cross – Cover

Pristine wurden 2006 von Heidi Solheim (Vocals, Mastermind) in Tromsø (Norwegen) gegründet, seit 2011 veröffentlicht das Quintett Alben. Nun liegt ihr sechstes Werk „The Lines We Cross“ vor und es besticht durch Spielfreude, tolle Atmosphären und zehn starke Kompositionen.

Die Basic-Tracks wurden im Studio in einer Live-Situation eingespielt, sodass alles sehr authentisch klingt und der Funke auf den Hörer überspringt. Heidi Solheims Gesang strotzt voller Energie, vielen Facetten und Enthusiasmus. Der Stil von Pristine ist nicht genau definierbar, ihr Sound basiert auf Sixties Retro- und Classic Rock-Elementen, es sind aber auch psychedelische Atmosphären wahrnehmbar.

„Action, Deeds & Suffering“ ist ein fetziger Opener und „Ghost With A Gun“ steht dem in nichts nach. „The Loneliest Fortune (pt. 1&2)“ ist hingegen ein 9-minütiges dramatisch-melancholisches Epos mit interessanten Stimmungs- und Tempowechseln, das durch eine dezente Querflöte an einigen Stellen leicht an Jethro Tull erinnert. „Valencia“ und „Carnival“ klingen beide auf ihre jeweils eigene Weise spacig und getragen, „The Devil You Know“ besticht durch ein prägnantes Riff und Heidis furiosen Gesang, „The Lines We Cross“ ist sehr geradlinig und mit dem psychedelischen „Instant Conclusion Decade“ klingt das sehr erfrischende und vielseitige Album angemessen aus.

Diese Review wurde für die aktuelle Ausgabe des Hardline-Magazins verfasst.

KATATONIA – Interview mit Niklas Sandin (2022)

Schöne Melancholie aus Schweden

Die schwedische Dark Metal-Band Katatonia hat in ihrem über 30-jährigen Bestehen einige Veränderungen im Line-up erlebt und dabei eine große musikalische Veränderung vollzogen. Zu Beginn ihrer Karriere waren Death Metal-Einflüsse vorherrschend und es wurden auch Growls verwendet, sodass Sänger Jonas Renkse damals Stimmprobleme bekommen hat. Mittlerweile ist das Quintett musikalisch gereift und liefert vielschichtige Alben mit tollen Kompositionen ab, die sich durch eine schöne Melancholie auszeichnen. Anlässlich der Veröffentlichung von „Sky Void Of Stars“ am 20.01.2023 hat Bassist Niklas Sandin die Hintergründe des neuen Werkes erläutert. Das Interview wurde bereits am 31.10.2022 geführt.

Ihr veröffentlicht im Januar euer neues Album „Sky Void Of Stars“. Liegt dem Werk ein textliches Konzept zugrunde?

Der Album-Titel „Sky Void Of Stars“ geht auf die Zeit zurück, als man sich durch das Navigieren an den Sternen fortbewegt hat und dann dabei manchmal keine Orientierung mehr hatte. Es soll bedeuten, dass es auch heutzutage schwer ist, sich durch die tiefen und dunklen Momente des Lebens zu manövrieren. Es hat auch einen Bezug zu uns Schweden, denn wir leben viele Monate in einer Dunkelheit, die uns nicht immer leicht fällt. Letztlich ist die Bedeutung aber nicht in Stein gemeißelt, denn jedem Zuhörer wird sein eigener Interpretationsspielraum zugestanden.

Jonas Renkse ist der Songwriter von Katatonia. Wie weit geht der Einfluss von dir und den anderen Bandmitgliedern als Co-Songwriter und bei den Arrangements? Beschreibe doch mal euren Arbeitsprozess.

Jonas schreibt alle Songs, zumeist hat er einen Song ganz oder manchmal auch nur teilweise komponiert und stellt ihn uns dann vor. Wir geben ihm dann Feedback für mögliche Veränderungen, aber in der Regel sind die Songs schon so weit ausgereift, dass sie keine weiteren Veränderungen mehr benötigen. Ich halte mich mit Veränderungswünschen zumeist zurück, denn man braucht ja nichts reparieren, was bereits gut ausgearbeitet und nicht defekt ist. Live variieren wir die Songs aber immer, es klingt dann nicht so wie auf dem Album. Wir diskutieren die Dinge aus und haben dabei unsere Freiräume, es gibt bei uns keine Diktatur.

Katatonia Band
Katatonia – 2022

Ihr habt das Album selbst produziert, die Produktion hat viele Details und ist dabei gut ausbalanciert. Die Songs sind kompakt und das Album hat einen tollen Sound. Wie schwer ist es gewesen, diese schöne und gut abgestimmte Klanglandschaft im Studio zu kreieren?

Man muss bei einer Produktion darauf achten, dass nicht zu viel Butter oder Wein in die Sauce kommt, alles muss in der richtigen Dosierung vorliegen. Wir hatten wieder unseren Toningenieur Lawrence Mackrory im Studio dabei, er achtet auf den Produktionsprozess, er spornt uns dabei zu Höchstleistungen an. Wir haben auch in Dänemark mit Jakob Hansen gearbeitet, in seinem Studio wurden die Drums aufgenommen und er hat dort auch den Mix erstellt. Es ist halt wichtig, die richtigen Leute im Studio dabei zu haben, sie sind letztlich für die Klanglandschaft verantwortlich.

Es sind Keyboards auf dem neuen Album zu hören, aber ihr habt keinen Keyboarder im Line-up. Wie wichtig sind Keyboards für eure Musik generell?

Keyboards sind für uns als Ambient-Sound wichtig, um die verschiedenen Elemente zu verbinden, Jonas arbeitet sie aus. Für die Live-Shows nehmen wir aber nicht die Spuren vom Album, sondern Jonas entwickelt sie spezifisch dafür, sie werden dann in den Shows aus dem Off heraus eingespielt.

Beim Song „Impermanence“ singt Joel Ekelöf von Soen mit. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit ihm gekommen?

Soen ist eine großartige Band und Joel hat eine tolle Stimme. Wir waren der Meinung, dass sich seine Stimme bei diesem Song gut mit Jonas’ Stimme kombinieren lässt. Jonas hat Joel gefragt, ob er als Gast mitmachen möchte. Es war dann interessant zu sehen, wie Joel seinen Part singt und wie der sich von Jonas’ Gesang unterscheidet. Beide Stimmen haben sich gut vereinbaren lassen und konnten dem Stück eine besondere Note verleihen.

Die Lyrics zu „No Beacon To Illuminate Our Fall“ sind sehr interessant und der Song klingt darüber hinaus etwas doomy. Was steht textlich und musikalisch hinter diesem Song?

Das ist das progressive Stück des Albums, aber es kann sich jeder, wie bereits erwähnt, seine eigene Vorstellung über den Text bilden. Die Fans haben alle ihre Lieblings-Tracks und fragen manchmal nach den Bedeutungen, aber wir geben ihnen keine Interpretation vor.

Woher kommt die schöne Melancholie in eurer Musik?

Es sind tatsächlich die dunklen Monate in Schweden, die auf unsere Musik einen großen Einfluss haben. Es ist aber auch die Härte des Lebens selbst, die einwirkt, wie z. B. einen geliebten Menschen zu verlieren oder in dieser verhärteten Gesellschaft seinen Weg zu finden. All diese Dinge führen zu der besagten Melancholie.

Das Artwork von „Sky Void Of Stars“ ist wieder sehr anspruchsvoll. Inwieweit seid ihr in die Cover-Gestaltung einbezogen?

Wir hatten bisher mit Travis Smith als Cover-Designer gearbeitet und waren der Meinung, dass dort mal ein neuer Einfluss hineingehört. Dieses Mal haben wir Roberto Bordin damit beauftragt, wir hatten bereits T-Shirts und anderes Material von ihm designen lassen. Er hat einen fantastischen Job gemacht und man sieht auch, dass es ein anderer Designer gestaltet hat, das Cover hat eine neue Tiefe bekommen.

In der frühen Phase eurer Karriere war eure Musik wesentlich rauer und härter als heutzutage. Welche Bands und musikalischen Einflüsse haben die Stiländerungen von Katatonia über die Jahrzehnte bewirkt?

Es können viele Bands gewesen sein, Jonas ist ein Fan von The Cure, Nick Drake, 16 Horsepower und anderen Bands, auch aus verschiedenen Genres. Es hat sich halt so im Laufe der Jahre entwickelt und es ist unwahrscheinlich, dass wir erneut ein Album wie „Brave Murder Day“ aufnehmen werden, zu manchen Anlässen spielen wir die alten Sachen aber noch live.

Ihr habt bereits einige Veränderungen im Line-up gehabt. Habt ihr nun die endgültige Formation gefunden?

Das sehe ich so, denn wir spielen bereits einige Jahre zusammen und jeder kann seine musikalischen Talente einbringen, wir sind auch live sehr gut eingespielt.

Ihr seid bisher bei Peaceville unter Vertrag gewesen und seid jetzt zu Napalm Records gewechselt. Was waren die Gründe hierfür?

Es war notwendig, eine Veränderung herbeizuführen, um nach langer Zeit mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten. Wir sind bisher auch sehr zufrieden, denn Napalm Records hat ein tolles Team, das hinter uns steht.

Dieses Interview wurde für die aktuelle Ausgabe des Hardline-Magazins geführt. Die Review zum Album findet Ihr im vorherigen Beitrag.

KATATONIA – „Sky Void Of Stars“ (VÖ: 20.01.2023)

Sky Void Of Stars - Katatonia
Sky Void Of Stars – Cover

Die schwedische Dark Metal-Band Katatonia wurde 1991 gegründet, zu Beginn ihrer Karriere waren Death- und Black Metal-Einflüsse wahrnehmbar, mittlerweile kommt das Quintett um Mastermind Jonas Renkse (Vocals, Songwriter) deutlich geschliffener daher.

Das Album wurde von der Band selbst produziert und diese Produktion ist sehr sauber, der Sound ist superb. Die vielfältigen Elemente sind dabei zu einem sehr angenehmen Hörerlebnis ausbalanciert worden, den Alben von Katatonia liegt generell eine schöne Melancholie zugrunde und die ist auch auf „Sky Void Of Stars“ zu genießen.

Thematisch geht es bei den 11 kompakten Songs um die tiefen und dunklen Momente des Lebens sowie deren Bewältigung. „Sky Void Of Stars“ weist keine Schwächen auf, „Austerity“ ist ein toller Opener, „Birds“ hat einen packenden Grundrhythmus und „Drab Moon“ ist ein ruhiges und bedächtiges Stück. Bei „Impermanence“ hat Joel Ekelöf (Sänger von Soen) einen Gastauftritt, sodass hier neue gesangliche Facetten hörbar sind, „Atrium“ ist hingegen ein sehr eingängiger Song, „No Beacon To Illuminate Our Fall“ hat einen progressiven und auch leicht doomigen Charakter, mit „Absconder“ klingt das Meisterwerk angemessen aus. Katatonia sind die ungekrönten Könige des Dark Metal!

Diese Review wurde für die aktuelle Ausgabe des Hardline-Magazins verfasst.

ANVIL im Interview: Authentischer Metal statt Kommerz!

Anvil sind seit 40 Jahren im Rockbusiness aktiv, leider ist ihr Erfolg über viele Jahre eher begrenzt gewesen und ihr Weg war beschwerlich. Das alles wurde im Film „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ (2008) eindrucksvoll dokumentiert.

Das kanadische Metal-Trio war Anfang Dezember auf seiner ausgedehnten Europa-Tournee im fast ausverkauften Logo in Hamburg zu Gast. Das Konzert war der Hammer, denn es gab 100 Minuten tolle Songs, die Band strotzte vor Spielfreude und begeisterte das Publikum. Rock Bottom hat bereits im Mai ein Interview mit Steve „Lips“ Kudlow (Sänger/Gitarrist/Mastermind von Anvil) per Zoom-Konferenz zur Veröffentlichung von „Impact Is Imminent“ führen können.

Kurz vor dem Gig konnte ich Lips dann im Tourbus zum Verlauf der Tournee persönlich befragen, ein paar andere Themen wurden aber auch besprochen.

Hier findet Ihr das Video des Interviews:

Das Interview wurde ergänzend auch für das Hardline-Magazin geführt, hier ist die schriftliche Version auf Deutsch: https://www.hardline-magazin.de/2022/12/12/anvil-im-hardline-interview-authentischer-metal-statt-kommerz/

CANDLEMASS – Interview mit Leif Edling (2022)

Die Schweden Candlemass sind seit Mitte der 80er Jahren das Flaggschiff des Epic Doom Metals, sie haben das musikalische Erbe von Black Sabbath in Ehren gehalten und dabei in eine neue Form gebracht. Es hat viele Umbesetzungen in der langen Geschichte der Band gegeben, Mastermind Leif Edling (Bass, Vocals) ist dabei die einzige personelle Konstante. Mittlerweile bestehen Candlemass aber wieder ausschließlich aus Mitgliedern, die der frühen Phase des Quintetts angehört haben, das im November erscheinende Album „Sweet Evil Sun“ wirkt sicherlich auch deshalb wie aus einem Guss. Leif Edling erläutert die Hintergründe des sehr gelungenen Albums.

Rock Bottom: Hallo Leif, ihr werdet im November euer neues Album „Sweet Evil Sun“ veröffentlichen. Was steht hinter diesem interessanten Album-Titel? Handelt es sich um ein Konzept-Album?

Leif Edling: Es ist kein Konzept-Album, aber ein paar Songs, insbesondere der Titel-Track, befassen sich mit großen Hoffnungen, Ehrgeiz, Erfolgsstreben und auch dem Scheitern. Es geht aber auch um den momentanen Zustand der Welt, denn wir haben überall anti-demokratische Kräfte am Werk. Wenn wir uns nicht wehren, dann leben wir bald unter einer „bösen Sonne“ für viele Jahre. Ich möchte nicht unter dieser Sonne leben, die zwar Glanz verspricht, aber dir dafür den freien Willen raubt.

Rock Bottom: Es ist ein heavy Album mit großartigen Songs geworden, es ist Doom Metal mit einem Lächeln im Gesicht und einer positiven Einstellung. Wie schwer ist es solche tollen Songs nach ca. 40 Jahren zu komponieren? Kannst den Kompositionsprozess für dieses Album mal beschreiben?

Leif Edling: Von der positiven Einstellung weiß ich nichts, haha, aber egal. Es hat ein Jahr gedauert bis die Demos fertiggestellt waren, es war eine harte Arbeit und es war nicht immer leicht die Sessions fortzuführen. Danach haben wir mit den eigentlichen Aufnahmen in den NOX-Studios, nördlich von Stockholm, begonnen, das hat ca. 4 Monate gedauert.

Rock Bottom: Wie weit geht der Einfluss deiner Mitstreiter beim Songwriting, Komponieren und Arrangieren?

Candlemass - Band 2022
Candlemass – 2022

Leif Edling: Ich schreibe die Songs selbst, sowohl die Musik als auch die Texte. Ich arbeite viel mit Demos, um es so hinzubekommen, wie ich es mir vorstelle, aber dabei sollen mich möglichst wenige Leute beeinflussen. Der Produzent Marcus Jidell hat immer ein Wort mitzureden, danach können meine Kollegen die Songs bewerten. Manchmal werden von ihnen dann einige Tracks kritisiert, die es dann nicht auf das Album schaffen, der Rest wird dann so verwendet, wie ich es komponiert habe.

Rock Bottom: „Sweet Evil Sun“ hat eine ausgewogene Produktion und klingt bombastisch. Wie wichtig war Marcus Jidell zum zweiten Mal als Produzent?

Leif Edling: Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff „bombastisch“ treffend ist. Es ist Epic Doom Metal, mit mehr Metal als sonst. Ich denke auch, dass die Songs dieses Mal noch besser geworden sind als zuvor. Marcus ist sehr engagiert gewesen im Studio und hat wertvolle Sichtweisen zu den Songs, dem Sound und der gesamten Produktion beigetragen, er war sehr wichtig. Ronny Lahti hat einen fantastischen Job beim Mix hingelegt und Patrick Engel hat mit dem superben Mastering für den letzten Schliff gesorgt.

Rock Bottom: Es sind Keyboards im Hintergrund der Songs wahrnehmbar. Wie wichtig sind Keyboards für eure Musik generell?

Leif Edling: Keyboards sind nicht wichtig für unsere Musik. Auf „Sweet Evil Sun“ sind mehr Keyboards zu hören als sonst, live verwenden wir bisher keine Keyboards, möglicherweise werden wir aber welche zukünftig auf Tour einsetzen. Auf dem Album sind sie eher als dezente Stilelemente an einigen Stellen zu verstehen.

Rock Bottom: Die meisten Songs sind 5-7 Minuten lang, nur der Titel-Song ist relativ kurz, eingängig und radiotauglich. Ist das Absicht gewesen?

Leif Edling: Ja, der Song ist mir spontan eines Tages eingefallen und ich hatte dazu keine weiteren musikalischen Ideen mehr. Der Song war gleich komplett und man braucht ja auch nicht zwanghaft Dinge hinzufügen, nur um es komplex zu machen. Am nächsten Tag haben wir das Stück gleich aufgenommen, es hat großartig geklungen.

Rock Bottom: „When Death Sighs“ hat einen einzigartigen Gesangsstil von Johan, er wird dabei von Jennie-Ann Smith unterstützt. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Leif Edling: Wir waren der Meinung, dass der Chorus eine zusätzliche Stimme zu Johans Stimme benötigt. Jennie ist uns dann in den Sinn gekommen, denn sie ist die Sängerin von Avatarium, es hat gleich mit ihr funktioniert und „Klick“ gemacht.

Rock Bottom: „Scandinavian Gods“ basiert auf einem komplexen Drum-Rhythmus. Wie seid ihr zu dem Song gekommen?

Leif Edling: Es hat einige Monate gedauert bis der Song fertiggestellt war, es ist ein Zusammenschnitt von bekannten Bands, z. B. Slayer, Queen und Judas Priest, aber das Stück hat trotzdem seinen eigenen Stil.

Rock Bottom: Wie würdest du den musikalischen Fortschritt von „Epicus Doomicus Metallicus“ zu „Sweet Evil Sun“ beschreiben?

Leif Edling: Viele sagen, dass „Epicus“ bereits meine beste Arbeit gewesen ist. Möglicherweise entwickele ich mich mit dem Fortschritt im Songwriting zurück? Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich überhaupt entwickelt habe, haha.

Rock Bottom: Alle aktuellen Candlemass-Musiker gehörten schon zu den ersten Besetzungen aus den Jahren 1986/87. War es für die kreative Arbeit hilfreich, sie alle wieder beisammen zu haben? Habt ihr nun das endgültige Line-up gefunden?

Leif Edling: Ja, es ist super sie alle wieder dabei zu haben und wir fühlen uns wie Teenager, die die Welt erobern wollen. Es ist immer noch klasse, gemeinsam zu touren und Alben aufzunehmen. Ich habe keine Vorstellung, wie lange wir das alles noch machen können. Auf jeden Fall kennen wir uns alle gut, fühlen uns wohl und haben Spaß dabei. Was will man mehr?

Rock Bottom: Euer letztes Studio-Album „The Door To Doom“ hatte einen Gast-Auftritt von Tony Iommi von Black Sabbath. Habt ihr immer noch Kontakt? Mag er Candlemass?

Leif Edling: Wir hatten nie direkten Kontakt, aber er hat „Astorolus” gemocht, denn wir hatten ihm den Song zukommen lassen und gefragt, ob er mitmacht. Er war bereit ein Solo beizusteuern und er hat es super hinbekommen, ich bin stolz Tony auf einem meiner Songs dabei gehabt zu haben. Vor einigen Jahren war es im Gespräch, dass wir als Support von Black Sabbath touren, aber es hat leider nicht sein sollen.

Rock Bottom: Es gibt viele Sub-Genres des Heavy Metal, wie z. B. Thrash Metal, Death Metal, Black Metal, Speed Metal. Wie schwer ist es für eine Doom Metal Band, Aufmerksamkeit und Erfolg zu erzielen? Ist es schwerer als in den anderen Sub-Genres, wie siehst du das?

Leif Edling: Ich kann es nicht genau sagen, denn wir haben Aufmerksamkeit und Erfolg, ich kann mich nicht beschweren. Es hat immer Phasen gegeben, wo es für uns nicht so gut gelaufen ist, aber wenn man stur genug ist, seine musikalische Überzeugung zu leben, dann kommt der Erfolg trotzdem. Wenn man sich nur am Trend oder der Mode orientiert, dann kann man damit zwar Erfolg haben, aber der wird dann auch schnell wieder vergehen.

Rock Bottom: Gibt es bei euch Tour-Pläne? Wird es auch Gigs in Deutschland geben?

Leif Edling: Auf jeden Fall, denn bei euch gibt es viele Doom Metal Fans und wir werden immer gerne in das Land des leckeren Bieres und der Knödel zurückkommen.

Dieses Interview wurde für die September 2022-Ausgabe des Hardline-Magazins geführt. Die Review des Albums findet Ihr im Beitrag zuvor.

CANDLEMASS – „Sweet Evil Sun“ (VÖ: 18.11.2022)

Candlemass - Sweet Evil Sun

Die schwedische Doom-Metal-Institution Candlemass hat mit ihrem neuesten Album „Sweet Evil Sun“ an ihren Meilensteinen aus den 80er Jahren angeknüpft. Man merkt dem Album an, dass eine erfahrene und eingespielte Mannschaft am Werk war, denn neben dem Bassisten und Mastermind Leif Edling sind Sänger Johan Längqvist und Gitarrist Mats Björkman aus der Original-Besetzung dabei, Gitarrist Lars Johannsson und Drummer Jan Lindh gehören seit 1987 (mit 8-jähriger Pause) zur Band.

„Sweet Evil Sun“ wurde, wie das Vorgänger-Album, von Marcus Jidell (Ex-Gitarrist von Royal Hunt, Evergrey) produziert, es klingt aus einem Guss und man kann keine Lückenfüller feststellen, es ist Doom Metal mit einem Lächeln im Gesicht. Hier kommt düstere Heavyness durch klasse Songwriting sowie mit einem ausdrucksstarken Gesang zur Geltung. Inhaltlich geht um Ehrgeiz, Hoffnung und Scheitern, alles mit anspruchsvollen Metaphern lyrisch umgesetzt.

Der Opener „Wizard Of The Vortex“ basiert z. B. auf einem markanten Riff und bietet einen guten Einstieg in das Album, der Titeltrack „Sweet Evil Sun“ ist mitreißend und eingängig, „When Death Sighs“ verfügt über einen vielseitigen Gesangsstil und wurde im Duett mit Jennie-Ann Smith (Avatarium) gesungen, „Scandinavian Gods“ liegt ein sehr facettenreicher Rhythmus zugrunde und beschreibt die Qualität der Band sehr gut. Candlemass sind halt skandinavische Metal-Götter!

Diese Review wurde für die September 2022-Ausgabe des Hardline-Magazins verfasst.

AVANDRA – „Prodigal“ (VÖ: 18.11.2022)

Avandra - Prodigal - Cover

Avandra ist eine Progressive Metal-Band, die 2017 in San Juan (Puerto Rico) gegründet worden ist, das Quartett hat nun mit „Prodigal“ sein viertes Album veröffentlicht. Stilistisch vermitteln Avandra eine Fusion aus Elementen der Black Label Society, Tool und Porcupine Tree.

Die Band klingt dabei eigenständig, denn sie schafft es Metal, Progressive Rock und Psychedelic gut zu verbinden, es sind heavy Parts zu hören, aber auch melodische Gitarrensoli sowie einige Piano-Passagen. Der Gesang von Christian Ayala Cruz (Vocals, Gitarren, Synthesizer) erinnert sehr stark an Zakk Wylde, an einigen Stellen sind Growls hörbar. Die zehn Stücke sind anspruchsvoll instrumentiert, aber nicht verfrickelt, denn die Songstrukturen sind klar wahrnehmbar.

„Codename: Pharao“ ist ein gelungener Opener, in dem eine Rede Eisenhowers gegen die Verschmelzung von Rüstungsindustrie und Regierung auszugsweise eingeblendet wird. „New Beginnings“ ist ein eher verträumter Song, bei „A Trace Of Home“ wechseln sich Growls mit Klargesang ab, „In Träumen“ ist ein schönes Interlude, „In Memoriam“ ist geradlinig und voller Spielfreude, „Dissembling The Artifice“ ist ein heavy Song mit Stimmungswechseln und tollen Bassläufen, „Daybreak“ ist ein epischer und dramatischer Songs mit dem das sehr gelungene Album schließt.

Diese Review wurde für die Dezember 2022-Ausgabe des Hardline-Magazins verfasst.

THRESHOLD – „Dividing Lines“ (VÖ: 18.11.2022)

Threshold - Dividing Lines - Cover

Die englische Progressive Metal-Band Threshold besteht seit 1988 und veröffentlicht seit 1993 Alben, nun liegt mit dem 12. Studio-Werk „Dividing Lines“ der Nachfolger des brillanten Doppel-Albums „Legends Of The Shires“ (2017) vor. Es ist erneut ein Meilenstein in der Bandhistorie von Threshold geworden, „Dividing Lines“ ist für mich das beste Album des Jahres 2022 im Progressive Metal.

Ein Musik-Journalist hat die Musik von Threshold vor vielen Jahren als eine gelungene Mischung zwischen Metallica und Queen bezeichnet, mit dieser Analyse liegt er auch heutzutage vollkommen richtig. Markante und heavy Gitarrenriffs werden durch tolle Keyboardpassagen unterlegt, das Werk hat eine saubere Produktion mit leichtem Bombast, Gefühl und Atmosphäre kommen dabei aber nicht zu kurz. Die Musik von Threshold ist komplex, aber stets auch songorientiert und mit tollen Hooklines versehen.

Es sind zehn sensationelle Songs zu hören, wobei Gitarrist Karl Groom und Keyboarder Richard West die Hauptkomponisten sind, drei Songs hat Sänger Glynn Morgan beigesteuert. „Haunted“ ist ein furioser Opener, der den Hörer sehr gut in das Album einführt, „Hall Of Echoes“ hat Ohrwurmcharkter, „Silenced“ ist sehr modern arrangiert worden und klingt von der Komposition anders als die meisten Threshold-Songs. Der 11-minütige Track „The Domino Effect“ verfügt über diverse Stimmungs- und Tempowechsel, „Complex“ ist hingegen ein kompaktes, druckvolles und geradliges Stück, „King Of Nothing“ ist heavy und dramatisch, das Album mündet im atemberaubenden 11-minütigen Finale „Defence Condition“.

„Dividing Lines“ ist ganz großes Kino und verdient einen musikalischen Oscar!